Reuter
200
Nachgelesen bei Dr. Richard Dohse, anlässlich des 100.
Geburtstages 1910 geschrieben.
Von keinem Dichter ist
das Bild seiner Heimat so klar und lebendig in seinen Werken
widergespiegelt worden, wie bei Fritz Reuter. Hier liegen
die Wurzeln seiner Kraft. Wer Mecklenburg nicht kennt, dem
wird und kann der intimste Reiz nicht aufgehen.
Elternhaus und Schule
Reuters Vater, der Bürgermeister und Stadtrichter von
Stavenhagen Johann Georg Reuter, war ein typischer
Starrkopf, der keinen Widerspruch duldete. Eins aber hat
Fritz von ihm geerbt und nicht die schlechteste Waffe für
den Lebenskampf: einen Sinn für alles Klare und Wahre, für
alles Gerade und Reelle, für die gerechte Beurteilung aller
Dinge im Leben, die ihn immer wieder adelt, und die ihn in
seinen Leidenstagen trotz der vielen Ungerechtigkeiten, die
ihm widerfahren sind, selbst nicht ungerecht hat werden
lassen. Seine Mutter Johanna war im Gegensatz zum Vater eine
weichmütige, nachsichtige Person. Fritz kannte sie nur als
schwerkranke Frau. Ihr Leiden, eine Lähmung, befiel sie 1812
nach der Geburt ihres zweiten Sohnes Ernst, der schon 1813
starb. Den Haushalt leitete sie vom Krankenstuhl aus. Fritz
sagt von ihr: „so flitig, so flitig, as wiren ehr armen
swacken Hänn’ gesund.“ Eifrig betrieb sie die Lektüre
verschiedener Bücher. „Ünner Weihdach’ les’ sei in de Bäuker.“
In einem erhalten gebliebenen Merkbuch schreibt sie: „Wehe
mir, daß ein solches Schicksal mir widerfahren muß! Nicht
doch, sondern: Wohl mir, daß ich trotz dieses Schicksals
kummerlos bleibe; weder von der Gegenwart gebeugt, noch von
der Zukunft geängstigt! Hätte ja doch so etwas jedem anderen
widerfahren können. Es ist kein Unglück, aber es edel zu
dulden, ist Glück!“ Johanna Reuter starb 1826. Von der
Mutter hat er die Gabe der lebendigen Vorstellung von den
Dingen und den überaus beweglichen Geist geerbt.
Fritz verlebte in seiner Heimatstadt Stavenhagen eine
unbeschwerte Kindheit. Obwohl er anfangs nur ein „knendlig
Kind“, ein schmaler schmächtiger Junge war.
In den ersten Schuljahren hat Onkel Herse die größte Rolle
gespielt. Fritz wurde zusammen mit seiner Halbschwester
Lisette und seinen Vettern Ernst und August unterrichtet.
Lesen und schreiben hatten die Kinder bereits bei Mutter
Reuter gelernt. Der Besuch der Mädchenschule von Mamsell
Schmidt darf nicht unerwähnt bleiben. In Französisch wurden
die Kinder von Schneider Kreuz und später von dem köstlichen
„Uhrkenmaker“. Droz unterrichtet. Auch Lateinisch und
Griechisch sollte Fritz von verschiedenen Lehrern lernen. Er
zeigte wenig Neigung für die Wissenschaften. Das einzige,
wofür sich bei ihm damals schon ein gewisses Talent
offenbarte, war das Zeichnen. Mit knapp 14 Jahren (Michaelis
1824) wurde Fritz mit seinen Vettern auf die Gelehrtenschule
zu Friedland geschickt. Dreieinhalb Jahre blieb er auf dem
Gymnasium. Die Lehrer Zehlicke und Gesellius waren ihm sehr
zugetan. Auch Fritz ist voller Dankbarkeit, besonders gegen
Gesellius gewesen. Später wurden die beiden Lehrer als
Lektor bzw. Konrektor an das Gymnasium in Parchim versetzt.
Als Sekundaner siedelte auch Fritz dorthin über. In Parchim
besserten sich seine schulischen Leistungen. In dieser Zeit
hatte er seine Schülerliebe, die er anschwärmte und
andichtete. Es war Adelheid Wüsthoff, die Tochter des
Bürgermeisters. Lange währte die Leidenschaft nicht. Der
Bürgermeister ließ ihm ausrichten: „Wenn ick dat nich sin
let, denn zeigte heilt bi’n Schauldirekter an.“ Fritz musste
seinen Verkehr aufgeben. Mit einem leidlich guten Zeugnis
wurde ihm Michaelis 1831 die Reife zum Besuch der
Universität zuerkannt.
W. Kurth